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Ohne Bart wird’s hart

Sie geht vorbei, blickt ihn flüchtig an – und erstarrt. Frau Osswald stiert lange auf das Kinn ihres Gatten, hat dort etwas Ungeheuerliches entdeckt. Sie will eigentlich nicht sehen, was sie sieht. Was sie nicht weiß: ohne Bart wird’s hart.

Und genau das sieht sie jetzt: Osswalds Bart, den er schon seit Wochen trägt. Aber vielleicht liegt es daran, dass sie jetzt, im Urlaub, mehr Zeit hat, ihren Gatten zu betrachten. Er ist stolz, er hat ihn so lange gegen sie verteidigt. Doch jetzt sind dessen Tage gezählt. Das sieht er am Blick seiner Gattin. Und gleich kommt es auch: „Mach den Bart ab!“ herrscht ihn seine Gattin an. Wenn’s soweit ist, endet der gemeinsame Weg von Mann und Bart, und alle Hoffnung stirbt.

Zwei heldenhafte Tage

Zwei Tage hält Oswald noch heldenhaft durch. Zwei Tage, in denen ihn seine Gattin mit bitterbösen Blicken verfolgt; und jede Stunde einmal sagt: „Bart ab!“

Plötzlich wird sie zuckersüß. „Schatzi, lass mich doch mal deine Haare schneiden.“ Gut, sie sind etwas sehr lang, und normalerweise wäre Osswald seiner Gattin dankbar für das Angebot, das sie ihm sonst nie unterbreitet. Aber er weiß, was dabei passieren wird. Und hier kommt es schon: „Dann kann ich auch deinen Bart wegmachen.“ 

Selbst, wenn er sich weigerte, seine Kinnbehaarung zu opfern – seine Gattin würde sicher, gaaanz aus Versehen, beim Haareschneiden mit der Schere abrutschen. Und seinen Bart meucheln.

Selbst Mord

So verzichtet Osswald schweren Herzens auf seinen Haarschnitt; und beschließt, seinen Bart eigenhändig zu ermorden. Und er ahnt schon:

Ohne Bart wird’s hart

Aber es ist schwer. In der Nacht vor seiner Gräueltat erscheint ihm Kaiser Barbarossa im Traum. Mit wallendem roten Bart. So wallend war er beim ollen Kaiser zu Lebzeiten nie. „Mach den Bart ab!“, donnert ihn Barbarossa an und funkelt eindrucksvoll mit den Augen.

„Und du? Hast doch auch einen Bart“,  protestiert Osswald.

„Ich bin der Kaiser!“

„Mein Kaiser nicht.“

„Doch, auch deiner. Ich bin der Kaiser aller Reußen.“

„Und Ösen.“

„Ösen? Kenn ich nicht. Neuer Volksstamm? Für mich?“

„Ja, und alle mit Bart. Sogar die Frauen“, stänkert Osswald im Traum.

„Bart ab!“, donnert der Kaiser. 

„Aber wieso?“

„Das geht dich gar nichts an. Ich bin der Kaiser. Und mein Wort ist Gesetz.“

„Nix Wort, nix Gesetz“, nuschelt Osswald und dreht sich auf die andere Seite.

Telefon-Kaiser

Da hört er das Rattern eines alten Wählscheibentelefons, das die gewählten Nummern sucht. Dann das Tuuuuten, schließlich das Knacken, als der Hörer abgenommen wird.

„Ja, hier spricht der Kaiser.“

Eine Frauenstimme: „Barba, wo bist du?“

„Ich bin in Höhle sieben.“

„Aha, dachte ich es mir. Mittagessen ist fertig. Und anschließend scheren wir deinen Bart.“

„Ich habe es befürchtet“, antwortet der Kaiser und legt auf.

„Du scherst deinen Bart? Du, Barbarossa!?“

„Natürlich. Ich komme nicht mehr aus dem Kyffhäuser raus, der Eingang der Höhle ist zu schmal. Und mein Bart zu dick.“

„Da hast du ja mächtig was zu scheren“, bemitleidet ihn Osswald.  

„Das kannst du laut sagen, Milchgesicht“, antwortet der Kaiser, „vor allem, weil wir hier nur Feuersteine haben. Hast du dir schon mal mit einem Feuerstein den Bart rasiert?“

„Nicht unbedingt.“

„Sei froh.“

„Na dann, gut kratz!“

„Sehr witzig.“

Schnapp den Mops!

„Und wenn du genug von deinem Bart abgeschabt hast, kletterst du aus dem Kyffhäuser? Und dann?“

„Jawoll! Dann befreie ich Germanien. Einer muss es ja tun.“

„Da hast du recht. Schlimmer als die augenblicklichen Germanien-Beglücker wirst du auch nicht sein.“

Ich bin der Kaiser

„Aber hallo!“, schmettert der Kaiser. „Ich bin der Kaiser!“ Mit einem Plöpp verschwindet das Traum-Bild. Osswald dreht sich auf die andere Seite. Verrückter Traum, denkt er. Kaiser Barbarossa mit wallenden rotem Bart, der sich die Pracht mit einem Feuerstein abschabt. Wieder macht es Plöpp, der Kaiser ist zurück.

„Weißt du eigentlich, warum ich am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph ertrunken bin?“

„Du konntest nicht schwimmen?“

„Natürlich konnte ich schwimmen, du Weißbrot! Ich bin gegen Polen gezogen, ich bin alleine sechs Mal gegen Italien gezogen, ich habe Heinrich den Löwen gestürzt.“

„Und dann die Kreuzzüge.“

„Eben. Ich bin der Kaiser, was denkst du, wie viele Flüsse ich in meinem Leben durchquert habe. Ich bin der Kaiser und ich bleibe der Kaiser. Und ich kann schwimmen.“

Wieder das Plöpp, der Kaiser ist weg.

Gleich plöppt es erneut, der Kaiser ist zurück: „Nein, ich hatte einen riesigen Bart, weil ich nicht zum Rasieren kam auf diesem Kreuzzug. Und was geschah? Der verfluchte Bart sog sich voller Wasser, zog mich auf den Grund des Flusses und ersäufte mich. Mich, den Kaiser!“

Plöpp

Plöpp.

Plöpp.

„Rasiere dich, du Weichfrosch!“

Plöpp.

Plöpp.

„Lieber Zartbitter als Bartzitter!“

Plöpp.

Jetzt hatte Osswald schon zwei Gründe, sich zu rasieren. Seine Frau. Und den Kaiser. Wobei er nicht wusste, wer mächtiger war. Osswald ist einigermaßen weichgekocht, als er an diesem Morgen aufsteht. So hat seine Frau ein leichtes Spiel. „Ja“, antwortet zu ihrem Erstaunen ihr Gatte, als sie sagt: „Ossi, komm, ich rasier‘ dich jetzt!“

Sie tun es auf der Terrasse. Frau Osswald nimmt die Schere dazu. Das ist ziemlich grob, ein Stoppelwald bleibt stehen – aber Osswald ist das gerade recht. Da kann er sich langsam entwöhnen – und jeder Versuch seiner Gattin, ihn zum Glattrasieren zu ermuntern, verliert sich im Stoppelgeflecht. Das bekommt er nämlich nicht mit dem trockenen Nassrasierer weg; behauptet er. Trotz der Resthaare fühlt er sich seltsam schwach.

Als er mit den Hunden zum Deich wankt, knickt er ein paar Mal mit seinen Beinen ein. Am blaugewischten Himmel segeln weiße Wolken, die Hunde tollen und kacken, und Osswald packt die Bollen in die Tüten und strebt auf die Abfalltonne zu, die an der Abzweigung steht.

Bauer mit Mercedes

Und aus dieser Abzweigung, einem Feldweg, setzt jetzt rückwärts ein Anhänger, beladen mit Holz. Davor hängt ein Mercedes, an dessen Lenkrad ein ganz alter Bauer kauert. Osswald schätzt ihn auf 85. Der Bauer lenkt, der Mercedes zieht nach links, der Anhänger zieht nach rechts, der Bauer lenkt, der Anhänger zieht nach links. Linksrechtslinksrechts, wie ein Hundeschwanz wedelt der Anhänger. 

Und Osswald weicht aus, einmal nach rechts, einmal nach links. Endlich ist er an Anhänger und Mercedes vorbei. Mit Schwung befördert er die beiden Hundekackbeutel in die Abfalltonne. Auf dem Rückweg sieht er einen überdimensionierten Kackbollen auf der Wiese. Er ist breitgetreten. Osswald grinst und geht weiter. Er achtet darauf, dass sich die Hunde nicht in dem leckeren Haufen wälzen.

Erst ein paar Schritte weiter dämmert es ihm, er selbst könnte in den Haufen gelatscht sein. Osswald bleibt stehen, hebt den linken Fuß: nichts. Er hebt den rechte Fuß: Scheiße. Sehr viel Scheiße.

Kurz darauf steht Oswald auf der Terrasse und spritzt mit dem Schlauch seinen Schuh ab – in die Rosen. Denen kann ein wenig Dünger nicht schaden, beschließt er.

„Was machst du da?“, fragt ihn seine Frau, als sie ihn entdeckt.

„Ich entferne das Pech von meinem Schuh.“

„Pech?“

„Ja, Pech. Das mir an den Schuhen klebt, seit du meinen Bart ermordet hast.“

Frau Osswald lacht.

Es riecht nach Scheiße

„Dein Pech riecht aber eher nach Scheiße“, sagt sie und geht ins Haus.

„Pech, Scheiße“, knurrt Osswald, „ist das nicht dasselbe?“

Als er wieder am Schreibtisch sitzt und arbeitet, ruft ihn Frau Seidenstrumpf an. Frau Seidenstrumpf ist eine schöne Frau, die schon einmal bei ihm volontierte.

„Sie haben jetzt einen Bart“, gurrt sie in den Hörer, „ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen.“

„Äh, hatte. Jetzt ist er ab.“

„Oh, schade.“

„Ja, äh, meine Frau konnte ihn nicht mehr ertragen. Sie sagte, der Bart kratzt.“

„Aber das ist doch schön!“, rief Frau Seidenstrumpf. „Ein Bart muss kratzen. Auf allen Lippen!“

„Äh.“

„Wenn Sie wieder einen Bart haben, können Sie sich ja mal melden, Herr Osswald. Auf Wiedersehen.“

Lieber Bartzitter als Zartbitter!

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